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[iIa] von 1913: Tessar 4.5/180 in Compound
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31.01.17 02:06
Laufboden 

BZF-Master

31.01.17 02:06
Laufboden 

BZF-Master

[ iIa ] von 1913: Tessar 4.5/180 in Compound

Hallo miteinander,

heute habe ich endlich geschafft, was ich über eine Woche vergeblich versucht hatte: das verdreckte Vorderglied zu zerlegen, um es putzen zu können.
Das war wie zementiert ...

Aber von Anfang an: der Verschluß erschien erstmal nur etwas sehr träg, und das Vorderglied war schmutzig. Daß der Auslöser i.w. von Hand zurückzustellen war, erschien als wenig überraschend. Da ist schon mal z.B. die Rückstellfeder angekränkelt. Also erschien alles wie ein Routinefall. Doch dann lief alles anders. Das Vorderglied abzuschrauben war schon mal nicht einfach, aber nach ein paar Stunden Bemühen mit den üblichen Tricks ließ es sich erledigen.
Aber es ließ sich partout nicht zerlegen. Nichts half. Über eine Woche lang. Hitze, Kälte, mit und ohne Öl, das anscheinend nicht zum Kriechen ins Gewinde zu bewegen war. Der Druckausgleich zwischen innen und außen bei Temperaturwechsel, der dabei normalerweise entscheidend hilft, ging über eine einzige winzige Stelle.
Inzwischen erwies sich der Verschluß als zeitweise arbeitsverweigernd, mal ging einige Zeit lang nur B, dann B und T, dann Z, aber nicht B und T. Der Verschluß ließ sich nicht öffnen - dazu muß bei diesem Compound der Größe 2 der Ring hinter dem Vorderglied abgeschraubt werden. Der klemmte höllisch. Ein klein wenig Öl, öfter mal etwas Temperaturänderung und Abwarten - mehr ist nicht drin, das NE-Metall dieses Rings bricht erfahrungsgemäß bei Kraftanwendung schnell. Und Öl im Verschluß ist schnell tödlich für die Blende, und zu hohe Temperatur auch. Nach ein paar Tagen ließ sich der Ring nach mäßiger Erwärmung bei eingesetztem Vorderglied überraschenderweise und mit wenig Kraftaufwand lösen.

So, der Verschluß konnte geöffnet werden. Auch hier war viel zu putzen. Bald schien es einigermaßen zu tun. Zusammenbau - und nichts lief mehr. Zerlegen. Anschauen. Suchen. Ein verdächtiges freiliegendes Gewinde (also ohne Schraube). Hoppla - ein kleines Schräubchen hatte sich offenbar mal hier, mal da versteckt - und das eine oder andere verklemmt! - und war bei erstenmal nicht aufgefallen.
Endlich: jetzt kann der Verschluß geöffnet werden / hier fehlt eine Schraube / Schraubenschlitz rechts oben: Zeitfeinjustierschraube (Federspannung über Exzenter von außen regelbar!):

Richten, probieren, klappt, wenn auch alles etwas schwach. Wohl Altersschwäche. Zumachen - nichts tut mehr. Zerlegen, suchen, was klemmt. Hoppla - könnte der Zylinder sein! Als die üblichen Bemühungen gar nichts bewirkten, habe ich Edelstahlputzmittel verwendet - um so grobe Mittelchen macht man sonst einen weiten Bogen, hatte ich noch nie benutzt. Noch ein paar Bemühungen - u.a. den gemeinerweise erst nach Zusammenbau und Festziehen der letzten Schraube streifenden Auslöser gaaanz vorsichtig zurechtbiegen - und jetzt läuft der Verschluß nach Feinjustierung der Geschwindigkeit fast wie neu.
Nur das Vorderglied klemmte immer noch, war durch die bisherigen Bemühungen sogar noch dreckiger und durch Aufdrehversuche möglicherweise noch verklemmter geworden. Mehrfach warm gemacht, geölt, ans Gehäuse des Hammerbohrers gepresst, gewartet - nichts ging. Mir fiel nichts mehr ein außer gleichmäßig und doch beschränkt zu erwärmen. Nochmal warm machen, rütteln, nochmal einen Tag warten, Vorderglied in ein Schraubglas tun, das auf einen Untersetzer in den Kochtopf stellen und ein Weilchen im Wasserbad kochen lassen. Das 100° warme Teil schnell herausnehmen und mit Gefühl(!) aufzudrehen versuchen. Am besten mit bloßen Händen. Das ist leider etwas warm . Wie schützt man sich als biederer Heimwerker vor Wärme? Klar - mit gut gefütterten Winterhandschuhen aus Leder
Und dieser Versuch endlich hat gestern abend gewirkt. Die Schraubung ging sogar unerwartet leicht.
Alle klemmenden Schraubungen sind gelöst:

Die Beläge auf den Gläsern waren ungewöhnlich hartnäckig, fast so zäh wie Lack. War hauptsächlich auch Lack. Wesentliche Teile der reflexionsvermindernden Beschichtung. Hatte ich so noch nie. Jetzt war alles klar: Lack im Feingewinde ist ein hervorragender Schutz gegen Aufschrauben.
Die Hälfte dieser Beschichtung fehlt jetzt. Um sie wieder aufzubringen, müßte ich die im jeweiligen Gehäuseteil festsitzenden Gläser auch noch lösen. Ist eben die Seitenlichtempfindlichkeit ein wenig größer.

Warum war das so? Na gut, wer weiß, was das Objektiv in den 103 Jahren seit siener Fertigstellung alles erlebt hat ... Ich hatte mich schon gewundert, warum die Ränder der Blendenblätter so klebrig waren (sie ließen sich durch vorsichtiges Behandeln mit Isopropanol reinigen).
Das Ergebnis:

So nebenbei: Anselm Adams verwendete das 210er-Tessar, das nächstgrößere der Reihe, um 1920. Schon ein Grund, sich mit so einem Exemplar zu beschäftigen ...

Grüße, Laufboden

Zuletzt bearbeitet am 31.01.17 02:25

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31.01.17 06:55
Blende-11 

BZF-Master

31.01.17 06:55
Blende-11 

BZF-Master

Re: von 1913: Tessar 4.5/180 in Compound

Hey Laufboden

Ein hoch interessanter Bericht. Ich lese deine Optikberichte immer gern. Deine Hartnäckigkeit bewundere ich. Das würde ich nicht durchhalten. Vielleicht hat irgendein Vorbesitzer schon mal ein Öl eingespritzt, das im Objektiv schädlich gewirkt hat.

lg Peter

31.01.17 16:00
Laufboden 

BZF-Master

31.01.17 16:00
Laufboden 

BZF-Master

Re: von 1913: Tessar 4.5/180 in Compound

Hallo miteinander,

natürlich gibt's Tessare wie Sand am Meer - aber die späteren haben einen schon deutlich veränderten optischen Aufbau (sicherlich wurden sie dadurch auch ein wenig verbessert).

Und zwar waren nur in den ganz frühen Exemplaren wie diesem die der Blende zugewandte Seite des Hinterglieds sowie die Rückseite der ersten Linse des Vorderglieds plan geschliffen, also völlig eben. Das war schlicht und ergreifend damals billiger. Das Vademecum nennt diesen Aufbau "Zei 021", er stammt von E. Wandersleb.
Zeiss landete schon mit dem f6.3-Tessar einen überraschenden und anscheinend von der Firma nicht erwarteten Erfolg, den das 4.5er noch übertraf. Die ursprüngliche Numerierung des Tessars im Zeiss-Reich war "Ic" - a und b sollen Unar und Planar gewesen sein, sie wurden von der "dritten Linie" an den Rand gedrängt. Ich habe das Gefühl, das "c" deutet auf einen ursprünglich überwiegend als Prozesslinse geplanten Einsatz. Mein einziges Tessar, das explizit als "Tessar Ic" bezeichnet ist, ist allerdings von Bausch&Lomb im Jahr 1942 hergestellt (ursprünglich Lizenznachbau) und wie fast alle Tessare vom Typ "Zei 022" (nach Stabilität und Gewicht war dieses verschlußlos gefaßte Objektiv entweder für harten Einsatz oder als Prozeßlinse gedacht).

Bei späteren Tessare war höchstens die zweite Fläche von vorn plan, aber auch die war zumeist konkav..

Grüße, Laufboden

31.01.17 16:19
Laufboden 

BZF-Master

31.01.17 16:19
Laufboden 

BZF-Master

Re: von 1913: Tessar 4.5/180 in Compound

Hey Peter,

Blende-11:
Hey Laufboden

Ein hoch interessanter Bericht. Ich lese deine Optikberichte immer gern. Deine Hartnäckigkeit bewundere ich. Das würde ich nicht durchhalten.

Vielleicht hat irgendein Vorbesitzer schon mal ein Öl eingespritzt, das im Objektiv schädlich gewirkt hat.

lg Peter
Freut mich. Manchmal fluche ich dabei aber auch ein wenig

Du könntest recht haben, daß da ein Vorbesitzer gewirkt hat - die erreichbaren Flächen waren besser geputzt als üblich.
Ist aber nicht sicher. Schon die beiden Seiten einer viel weniger lang nicht bewegte Schraubung können eine nahezu unlösbare Verbindung miteinander eingehen. Ganz besonders gilt das bei Feingewinden. Z.B. durch Rost, speziell bei Alu auf Alu, durch eingeklemmte Fremdkörper (z.B. ein Faden), Lack, aggressive Bestandteile der Atmosphäre, Feuchtigkeit, vielleicht auch Rauch, ....

War's ein Vorbesitzer, dann am ehesten einer, der putzen wollte und nicht hartnäckig genug war oder schlicht nicht wußte, was man alles anstellen kann - und was man besser bleiben lassen sollte.

Grüße, Laufboden

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